Wünsche und Sorgen

Für eine Studie, die möglichst umfassend die Gesundheits-, Lebens- und Betreuungssituation hochaltriger Menschen untersuchen möchte, stellt sich insbesondere auch die Frage nach den spezifischen Wünschen, Bedürfnissen und Sorgen, die Hochaltrige haben. Hier waren vor allem die persönlichen Interviews mit den hochaltrigen StudienteilnehmerInnen im Rahmen des qualitativen Studienteils besonders aufschlussreich.

Der Wunsch nach einem schnellen und würdevollen Tod
Ein sehr häufig in den Gesprächen mit Hochaltrigen geäußerter Wunsch ist der Wunsch nach einem schnellen, schmerzlosen und würdevollen Tod, am besten im eigenen Zuhause. Die Befragten artikulieren kaum Angst vor dem Sterben an sich, sondern lediglich vor einem langen „Dahinleiden“ und einem als sinnlos empfundenen Leben in Pflegebedürftigkeit (→ siehe auch Perspektiven auf das Lebensende).
Ansonsten ist festzustellen, dass sich Wünsche und Sorgen hochaltriger Menschen überwiegend nicht so sehr auf den Aspekt des eigenen Lebensendes, als vielmehr auf die Zeit davor und danach beziehen.

Die Sorge vor zunehmender Hilfe- und Pflegebedürftigkeit
Eine wesentliche Sorge hochaltriger Menschen betrifft die eigene Gesundheit und die Frage, was passiert, wenn diese nicht mehr intakt ist. Hilfe- und Pflegebedürftigkeit ist daher in den Interviews in vielerlei Hinsicht ein zentrales Thema. Dies gestaltet sich in Abstufungen, beginnend etwa mit der Sorge, die Hausarbeit und andere Anforderungen des Alltags nicht mehr zu bewältigen. Auch die Angst zu stürzen und nicht rasch gefunden zu werden ist eine Sorge, die insbesondere alleinlebende Menschen beschäftigt.
Generell wird von den Befragten der Gedanke, sich eines Tages nicht mehr selbstständig waschen, anziehen oder essen zu können, mit einem Verlust von Lebenssinn verbunden. Nur mehr „liegen und leiden“ zu müssen, wird zu einem Schreckensszenario, und es besteht Einigkeit darin, dass man das nicht wolle, wiewohl der Umgang damit unterschiedlich ist:

„Dass ich einigermaßen gesund bleib, das wäre für mich das wichtigste, nicht? Und vor allem, dass ich, wenn ich einmal krank bin, niemandem zur Last falle. Das ist das Problem. Und ich glaub, das haben alle alten Leute. Dass ich niemandem zur Last falle, das ist ein Problem, das möchte ich nicht. Aber wir bleiben alle nicht jung und wir werden alle alt.“ (81-jährige Teilnehmerin)

Zur Last fallen, das kann in der Vorstellung für manche so bedrohlich sein, dass offen Suizidgedanken geäußert werden:

„Nein, da habe ich eine ganz klare Entscheidung für mich getroffen. Ich lebe solange es mir Spaß macht und dann mach ich selber Schluss. Ich lass mich nicht auf keine Spielerei ein, große Hoffnung, Gott wird mich vom Krebs heilen oder… Nein, ich weiß, wenn es bergab geht, geht es nur noch bergab. Dann hört der erfüllte Alltag auf. Dann wird es nur ein Leidensweg für mich und meine Frau. Und dann mach ich einfach Schluss.“ (85-jähriger Teilnehmer)

Besonders groß ist auch die Sorge, vielleicht eines Tages dement zu werden. Auffällig ist dabei, dass die körperliche Fitness und Beweglichkeit in den Aussagen der TeilnehmerInnen nicht so einen hohen Stellenwert einnehmen, wie dass „der Geist noch dabei ist“. Es liegt auf der Hand, dass mit eingeschränkter geistiger Fähigkeit der Hilfebedarf dramatisch ansteigt, doch hat das „Verrücktwerden“ eben auch noch darüber hinaus stigmatisierenden Charakter.

Finanzielle Sorgen
Auch existentielle Sorgen werden geäußert. Insbesondere bei alleinlebenden, verwitweten Frauen kommt die Sorge auf, sich das eigene Zuhause in der Zukunft nicht mehr leisten zu können und somit die gewohnte Umgebung aufgeben zu müssen. Die Sorge „zu wenig Geld zu haben“ bezieht sich auch auf das zukünftige Alltagsleben der befragten Personen, wobei sie sich Fragen stellen wie beispielsweise: Werde ich mir neue Kleidung kaufen können? Werde ich genug zu essen haben?
Gedanken hierüber machen sich die Personen „im stillen Kämmerlein“. Diese Themen sind schambesetzt für Menschen, die zeit ihres Lebens gearbeitet haben und dennoch im hohen Alter mit Armut konfrontiert sind.

Die Sorge um die Kinder und Enkelkinder
Bei etlichen der befragten Personen steht im Mittelpunkt nicht die Sorge ums eigene Leben, sondern die Sorge um die Zukunft der Kinder und Enkel, die zurückbleiben. Hierbei wird immer wieder betont, dass es sie sehr beschäftigt, was die Enkelkinder so erleben werden. Ob sie einen guten Beruf ergreifen werden und welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen werden in der Zukunft, die, der Ansicht einiger hochaltriger Teilnehmer/innen nach, keine besonders guten Aussichten bereithält:

„Ja, weil ich mir Sorgen mache um die Jugend. Weil immer weniger Arbeitsplätze werden und denen geht es oft nicht mehr so gut wie es uns jetzt gegangen ist, sage ich immer. Ja, das ist schon so arg, wenn ich denke auf unsere, die Enkel alle, alle sind sie gescheit und vif und nachher können sie erst irgendeine Arbeit annehmen. Die sich gerade anbietet, aber nicht dem Wunsch entsprechend.“ (80-jährige Teilnehmerin)

Aber nicht nur Sorgen um die eigene Familie werden geäußert, sondern auch generelle Sorgen um die Zukunft der Gesellschaft und der Welt, in der die Enkel groß werden müssen.

Die Sorge: was bleibt, wenn ich nicht mehr bin?
Immer wieder kommt in den Gesprächen auch die Sorge zum Ausdruck, dass man selbst vergessen wird, wenn man einmal nicht mehr lebt oder die Dinge, die einem wichtig sind, in Vergessenheit geraten. Konkret: „Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin?“ Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensende und dem was man zurück lässt löst oftmals große Gefühle der Traurigkeit aus und stellt unweigerlich die Frage in den Raum: Wie und an was wird man sich erinnern, wenn man an mich denkt bzw. wird man überhaupt an mich denken?

Die Sorge nicht sterben zu dürfen
Bemerkenswert ist auch die gelegentlich geäußerte Sorge hochaltriger Menschen, nicht sterben zu dürfen. Dahinter verbirgt sich eine unbestimmte Angst vieler Menschen, dass sie „künstlich“ am Leben erhalten werden könnten, ohne dass dies für sie ein lebenswertes Leben wäre. Diese Sorge ist wohl auch durch die hohe mediale Aufmerksamkeit gegenüber Themen wie Sterbehilfe etc. geschuldet. Zitate wie das folgende finden sich in den Interviews daher durchaus häufiger:

„Ich möchte weder ernährungsmäßig, noch irgendwie künstlich am
Leben erhalten werden. Das will ich nicht, ich will in Ruhe sterben, wenn es mein lieber Gott bestimmt.“ (82-jährige Teilnehmerin)

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